Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

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MartinKreutz
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Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#1 Beitrag von MartinKreutz » 14. Oktober 2016, 20:57

Liebes Forum,

vor einigen Wochen untersuchte ich Proben aus dem Ulmis Ried nahe der Uni Konstanz. In diesen Proben fand eine Art Massenentwicklung von Pseudomonilicaryon anser statt. Diesen großen und schönen Ciliaten kennen viele noch als Dileptus anser, bis er durch die Revision von Vdacny und Foissner zu Pseudomonilicaryon gestellt wurde:

Vďačný P., Foissner W. 2012. Monograph of the dileptids (Protista, Ciliophora, Rhynchostomatia). Denisia 31: 1–529.

Dieses, meiner Ansicht nach mal wieder wegweisende Werk, steht sogar full text im Internet zur Verfügung:

http://www.zobodat.at/pdf/DENISIA_0031_0001-0529.pdf

Mit dem ausgesprochen übersichtlichen typisch "foissner'schen" Schlüssel auf den Seiten 99 - 108 konnte ich meine Art eindeutig identifizieren. Ein wesentliches Bestimmungsmerkmal ist das Längenverhältnis zwischen dem "Rüssel" (Proboscis) und dem Zellkörper. Er soll 1:1 betragen, was bei meinen Exemplaren der Fall war. Dieses Bestimmungsmerkmal (Rüssellänge) ist jedoch nur bei vollständig gestreckten Exemplaren gut zu erkennen. Ich habe früher Pseudomonilicaryon anser schon häufig fotografiert, aber eigentlich immer nur kontrahierte oder gequetschte Exemplare. Im Netz gibt es eigentlich keine Fotos von gestreckten Exemplaren und auch Vdacny und Foissner liefern nur Zeichnungen. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt, mich an diesem Objekt mal zu versuchen. Schon das erste Problem ist die stattliche Körperlänge von ca. 500 µm, die man irgendwie auf das Bild kriegen muss. Zweites Problem das ruhelose rumtasten des Rüssels durch alle Fokusebenen. Man muss den Moment erwischen, bis möglichst viel Körperpartien im Fokus liegen und dabei auf den Bildausschnitt der Kamera achten. Nur bei diagonal liegenden Exemplaren gelang mir die vollständige Abbildung. Natürlich auch wieder nur mit viel Materialschlacht. Hier einige Ergebnisse des vollständig gestreckten Exemplares Pseudomonilicaryon anser:

BildBildBild

Hier "umgarnt" Pseudomonilicaryon anser Stentor roeseli:

Bild

Eine sehr typische Haltung bei Berührung mit Detritusteilchen:

Bild

Die Mundöffnung im Detail:

Bild

Im gequetschten Exemplar erkennt man weitere Bestimmungsmerkmale. Es gibt eine dorsal liegende Reihe von kontraktilen Vakuolen (Unterschied zu P. fraterculum, der die KV's über den Körper verteilt hat) und der Makronukleus ist perlschnurförmig mit angelagerten oder etwas im Abstand befindlichen Mikronuklei:

Bild
Ma = Makronukleus
Mi = Mikronukleus
KV = Kontraktile Vakuole
MO = Mundöffnung

Eigentlich fehlt hier nun noch ein ausschlaggebendes Merkmal, welches für die Bestimmung der meisten Ciliaten sehr wichtig ist, nämlich die Form der Extrusome. Da ich oben gezeigte Exemplare im Mikroaquarium mit Detritusteilchen aufgenommen habe, konnte ich die Schichtdicke nicht stark genug verringern, um diese mit Ölimmersion zu untersuchen. Vielleicht beim nächsten Mal!

Viel Spass beim anschauen!

Martin
Zuletzt geändert von MartinKreutz am 15. Oktober 2016, 17:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Nostoc
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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#2 Beitrag von Nostoc » 15. Oktober 2016, 13:09

Hallo Martin,
Du zeigst traumhafte Aufnahmen eines Ciliaten, so wie ich ihn bisher nur in einer Petrischale unter dem Stemi „schematisch“ bewundern konnte. Schon die Darstellung eines Details wie der Mundöffnung ist bei diesem agilen Bewegungskünstler nach meiner Erfahrung eine heikle Angelegenheit. Aber Deine Fotos des nicht kontrahierten Pseudomonilicaryon anser spielen hinsichtlich der Wahl des perfekten Aufnahmezeitpunkts in einer ganz anderen Liga !

Zur Technik habe ich zwei „profane“ Fragen:
-Sind die Aufnahmen der ersten Bildreihe (drei Übersichtsaufnahmen) wirklich mit einem 40x Objektiv aufgenommen worden ?
Ich frage deshalb, weil bei meinem Mikroskop die Bilddiagonale mit einem 40x Objektiv nur ca. 350µm beträgt.
-Hast Du für die Bilder eine „Planktonkammer“ (Objektträger für ein Umkehrmikroskop) verwendet oder das Deckglas durch „Wachsfüßchen“ geringfügig angehoben ?

Beste Grüße

Richard

MartinKreutz
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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#3 Beitrag von MartinKreutz » 15. Oktober 2016, 18:12

Hallo Richard,

daran erkennt man den aufmerksamen Leser! Du hast absolut recht, meine Bildbeschriftung war nicht korrekt! Auch bei mir ist die Bilddiagonale beim 40X Objektiv ca. 320 µm. Tatsächlich sind die Übersichtsaufnahmen mit dem 20 X Objektiv aufgenommen worden. Außerdem habe ich gleich noch einen zweiten Fehler bemerkt, weil ich in der Bildbeschriftung immer "Pseudomonilikaryon" geschrieben habe, anstatt "Pseudomonilicaryon". Vielen Dank für den Hinweis! Ich habe bereits alles korrigiert.

Was den richtigen Aufnahmezeitpunkt für solche Objekte angeht, so bin ich auch nicht schneller als andere und sicher langsamer als manch jüngerer Mikroskopiker. Ich gleiche dies aus durch die geringe Auslöseverzögerung meiner aktuellen Olympus E-P5 aus (nur 0, 1 sec.) und durch Materialschlacht. Ich habe gerade in meinem Fotoprotokoll mal nachgeschaut, wie viele Fotos ich machen musste, um die ersten 3 Bilder im Beitrag zu knipsen. Es waren 76! Bei manchen Objekten brauche ich auch wesentlich mehr. Für mich hat die Digitalkamera erst den Zugang zu solchen Objekten ermöglicht.

Meine Mikroaquarien lege ich viel profaner an. Ich gebe ca. 0,5 ml Probe auf einen Objektträger, lege das Deckglas auf und lege es in eine Feuchte Kammer. Die besteht aus einer Plastik-Petrischale, in die ich ein Kosmetik Wattepad lege und welches ich mit Wasser tränke. Der Objektträger wird direkt auf das klatschnasse Wattepad gelegt. Deckel drauf, fertig. Davon lege ich aber immer recht viele an (5-10 von jeder Probe). Nicht in jedem Mikroaquarium entwickelt sich was. Bei vielen ist zuviel Detritus mit drunter, so dass die Schichtdicke beim langsamen verdunsten nicht weiter sinkt. Ich kontrolliere die Objektträger jeden Tag und verwerfe all die, welche nichts bringen. Es bleiben aber meist immer 2-3 übrig, wo die Schichtdicke durch mit eingeschlossenen Detritus oder Algenfäden einen "guten" Wert annimmt und wo sich noch ein paar Viecher vermehrt haben. Ich gehe also auch hier ehr mit Materialschlacht vor.

Schönen Abend!

Martin

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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#4 Beitrag von Monsti » 15. Oktober 2016, 21:23

Hallo Martin,

vielen Dank für diese mal wieder phantastische Dokumentation! :wicked_001: Diesen Ciliaten habe ich bisher nur einmal gesehen, es aber nach zahllosen Versuchen aufgegeben, ihn erkennbar abzulichten.

Danke auch für die Beschreibung Deiner "feuchten Kammer", mit der ich immer noch kämpfe ...

Gute Nacht!
Angie
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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#5 Beitrag von Nostoc » 17. Oktober 2016, 16:44

Hallo Martin,
Danke für Deine Hinweise zur Fototechnik und zum Thema "Mikro-Aquarien" !

Beste Grüße


Richard

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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#6 Beitrag von paramecium » 19. Oktober 2016, 21:55

MartinKreutz hat geschrieben:Meine Mikroaquarien lege ich viel profaner an. Ich gebe ca. 0,5 ml Probe auf einen Objektträger, ...
Lieber Martin,

Deine Aufnahmen sind wie immer beeindruckend. Das ernüchtert etwas, da man im Hellfeld bei so großen Ciliaten kaum vernünftige Bilder hinbekommt. Kannst Du mir noch sagen welche Belichtungszeiten und ISO Einstellung Du beim Fotografieren verwendest?

Du meintest eventuell 0.05 ml, also 50 µl. Besser ist eine kleinere Menge um 25-30 µl. Sonst schwimmen sich die Ciliaten neben dem Deckglas frei. Als Anhaltspunkt kann man Kunststoffpipetten mit 1ml Volumen nehmen. Diese haben unten eine fein ausgezogene Spitze, die der Länge nach diesem Volumen entspricht.

Da ich genau dosierte Volumina für die Fluoreszenzfärbungen benötige, verwende ich seit einigen Jahren nur noch einstellbare Mikropipetten (10-100 µl) mit den passenden, auswechselbaren Pipettenspitzen mit gutem Erfolg für die Probenentnahme. Diese lassen sich auf die genaue Menge justieren (25 µl) und die passenden Pipettenspitzen beschädigen auch größere Ciliaten während der Entnahme nicht.

Viele Grüße

Thilo

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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#7 Beitrag von MartinKreutz » 20. Oktober 2016, 19:55

Hallo Thilo,

Die Belichtungszeiten und ISO Zahlen kenne ich gar nicht! Die steuert die Olympus E-P5 automatisch. Ich gehe aber davon aus, dass die Zünddauer des Blitzes < 1/2000 sec. war und da genügend Licht durch den Blitz vorhanden war, die kleinstmögliche ISO Zahl gewählt wurde (100 ASA). Ich gebe zu, dass ich mich seit der Einführung der Digitalkameras auf meinem Mikroskop um diese Parameter nicht mehr gekümmert habe.

Nein, ich meinte ca. 0,5 ml! Ich habe es gerade nochmal ausprobiert. Das ist etwa die Menge, die ich nehme (+/- 0,2 ml). Das Deckglas (24 X 32 mm) schwimmt natürlich erstmal, aber das macht nichts. Kein Vieh wird zerdrückt oder muss unter Atemnot leiden. Mit der sehr langsamen Verdunstung in der Feuchten Kammer sinkt der Pegel aber und nach ca. 2 Tagen kann man mal schauen, was da so noch lebt.

Martin

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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#8 Beitrag von paramecium » 20. Oktober 2016, 22:23

Ah, die Aufnahmen sind geblitzt. Danke Dir für die Information.

Ich versuche seit einiger Zeit mit einer leistungsstarken LED und Belichtungen zwischen 1/1000 s und 1/4000 s Aufnahmen mit schiefer Beleuchtung zu erstellen. Scheint, als wäre ich auf dem richtigen Weg.

Ole
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Re: Pseudomonilicaryon anser (= Dileptus anser)

#9 Beitrag von Ole » 21. Oktober 2016, 21:54

Hallo Martin,

herzlichen Dank für die schönen Aufnahmen - ich habe diesen Ciliaten noch nie bewusst gesehen. Ich finde es immer wieder beeindruckend zu sehen, zu welchen Leistungen eine einzelne Zelle fähig ist. Wie realisiert das Zytoskelett diese enormen Streckungs- und Kontraktionsvorgänge?

Beruhigend finde ich, dass Du für solche Aufnahmen auch viele, viele einzelne Fotos machen musst. Ich lerne noch, mit der Flut an digitalen Bildern umzugehen und couragiert zu löschen, was nicht 100%-ig gelungen ist.

Viele Grüße

Ole

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