ich möchte hier mal eines von vielen Beispielen zeigen, mit denen ich mich hier beschäftige. Seit vielen Jahren durchpflüge ich das Simmelried und habe gelernt, verdächtig erscheinende Funde sofort zu erkennen. Dadurch habe ich in über 20 jahren sehr viele neue und unbeschriebene Arten finden können. Sehr oft habe ich nur ein einiziges Exemplar von diesen neuen Arten in all dieser Zeit finden können, obwohl ich schon viele tausend Proben untersucht habe. Meist sind es neue Ciliaten, da ich durch meinen Kontakt zu Wilhelm Foissner auf diesse Gruppe der Protisten ziemlich eingeschossen bin.
Hier ein außergewöhnlicher Fund vom 4. April 2015. Ein haptorider Ciliat, wie ihn weder ich noch Foissner je gesehen haben. Ich habe nur ein einziges Exemplar gefunden, welches ich provisorisch "Spathidium 69" genannt habe. Der Ciliat ist bewaffnet bis an die Zähne! Die Extrusome sind so groß, dass sie wie Haifischzähne aus dem Vorderende hervorragen. Diese 16 µm langen "Riesenextrusome" sind von einer Ansammlung hochbrechender Vesikel umgeben (evtl. mit Verdauungsenzymen). Direkt dahinter, mit Kontakt zu den "Riesenextrusomen", schließt sich der "geschwungen" geformte Makronukleus mit einem sehr kleinen Mikronukleus an. Interessanter Weise ist der Makronukleus posterior vom restlichen Plasma durch eine klar erkennbare, hyaline Zone getrennt. Neben den "Riesenextrusomen" konnte ich noch 12,5 µm lange, tropfenförmige Extrusome finden und 4,6 µm lange Stäbchen, bei denen es ich aber wahrscheinlich um symbiotische Bakterien handelt und nicht um Extrusome. Der Ciliat war 90 µm lang und besaß 17 µm lange Cilien. Die Dorsalbürste schien mir aus "keulenförmigen" und "lappenförmigen" Spezialborsten zu bestehen. Außerdem war der Ciliat im vorderen Drittel mit pilzförmigen Papillen besetzt. Die Oberfläche war stark längsgefurcht. Er schwamm sehr langsam, eher "paddelnd". Die Diagnose von Wilhelm lautet: neue Gattung, neue Art. Unten habe ich auf 3 Tafeln meiner Fotos zusammengestellt, damit ihr mal sehen könnt, wie so was aussieht. Auf den 3 Tafeln könnt ihr auch meine Vorgehensweise bei der Untersuchung gut verfolgen. Zuerst fertige ich Fotos von dem frei schwimmenden Exemplar an (wenn das nach Auflegen des Deckglases noch möglich ist). Dann lasse ich das Wasser verdunsten und mache fortwährend weitere Fotos (löschen kann man immer noch). Man muss bis zum Schluss warten, bis die Extrusome frei und flach liegen. Sie sind wichtige Bestimmungsmerkmale. Noch kann keiner sagen was es ist, aber wenn "Spathidium 69" tatsächlich nochmal gefunden wird, dann helfen diese Fotos um zu prüfen, ob wirklich identische Arten beobachtet wurden.
Viel Spass beim anschauen!
Martin


